Mit der Veröffentlichung von iOS 5 hat Apple auch ein neues Feature für seine lesenden Geräte-Nutzer mit iPad, iPhone und iPod Touch bereitgestellt. Den sogenannten Zeitungskiosk (engl.: Newsstand).

Aus Benutzersicht ist der Zeitungskiosk lediglich ein spezieller App-Ordner auf dem Geräte-Home-Screen, der mit hölzerner Regal-Optik daherkommt und alle Apps beherbergt, die Newsstand-konform umgesetzt sind. Auf den ersten Blick unterscheidet sich somit eine Newsstand-App von einer konventionellen lediglich durch den Ort sowie der Form des App-Icons. Statt des Quadrates mit runden Ecken anderer Apps können hier die Icons den physikalisch gedruckten Formaten einer Zeitschrift oder eines Zeitungsstapels visuell nachempfunden werden. Es wird auch regelmäßig das Icon/Heft-Cover aktualisiert.

Zeitungskiosk

Doch das ist nur die sichtbare Fassade, die Apple seinen Geräte- bzw. App-Nutzern verkaufen möchte. Tatsächlich wurde hier nahezu klammheimlich ein neues Verkaufsmodell und Ecosystem etabliert, mit dem Apple bei den Geschäftsmodellen der Inhalteanbieter und Printverlagen dieser Welt mitreden und mitverdienen möchte.

Realistisch betrachtet, muss ein Inhalteanbieter bzw. Verlag heutzutage seine Vertriebsstrategie in irgendeiner Form dahingehend ausweiten, dass seine Inhalte auch digital, also auch im Web und nicht nur in gedruckter Form vertrieben werden, um zumindest mittelfristig auf dem hart umkämpften Markt bestehen zu können. Der nächste logische Schritt nach digital ist mobile, also die Möglichkeit, die Inhalte auch auf mobilen Geräten wie Smartphones und Tablets mobil zugänglich zu machen. Dies geschieht normalerweise in der für den heutigen Endnutzer bestmöglichen Form:  Einer Zeitschriften-App, die regelmäßig neue Ausgaben dieses Formates bereitstellt. Genau wegen dieser logischen Notwendigkeit, also um auf dem weltweit im Wandel befindlichen Inhaltemarkt präsent zu sein, hat Apple mit Newsstand einen virtuellen Zeitungskiosk geschaffen, der auschließlich nach den strengen Spielregeln von Apple eingesetzt werden kann. Ein Verlag muss demnach diese Spielregeln bzw. Richtlinien kennen und auch vollständig akzeptieren, um in den Genuss des Marketing-Slogans „Meine App ist jetzt eine Newsstand-App“ zu kommen. Nicht selten kommt es vor, dass einige Apple-Richtlinien den Entscheidern nicht wirklich bekannt sind oder gar große Änderungen oder Abweichungen des bisherigen Geschäftsmodells des Verlages zur Folge haben. Deshalb sollte vorher gründlich, also vor der Entscheidung eine Newsstand-App umzusetzen, abgewogen werden, inwiefern man als Verlag bzw. Inhalteanbieter bereit ist, die Apple-Richtlinien zu akzeptieren. Man muss sich klar darüber sein, ob man bereit ist, den Preis für dieses neuartige Vertriebsmodell zu bezahlen, die technischen Infrastrukturen und Entwicklungen bereitzustellen, um nicht zuletzt der Erwartungshaltung seiner App-Nutzer bzw. Leser gerecht zu werden und somit weiterhin auf dem Markt der mobilen, digitalen Inhalte erfolgreich zu bestehen.

Einige interessante Apple-Richlinien:

…Eine Newsstand-App muss ein digitales Apple-Abo anbieten und umgesetzt haben…

–> Konsequenz für den Verlags-Entscheider:  Wenn bisher lediglich ein Heft bzw. Zeitungs-Einzelverkauf das Geschäftsmodell des Verlages war, dann hat das spätestens hier eine Kehrtwende zur Folge.

–> Konsequenz für die App-Entwicklung: In der App muss das neu eingeführte Apple-Abo-InAppPurchase-Modell AutoRenew-Subscriptions implementiert werden. Dies wiederrum muss mit vielen Akteuren (Client, AppServer, AppleInAppPurchaseServer…) und vielen weiteren Infrastruktur-Richtlinien umgesetzt werden. Wie beispielsweise die Verpflichtung, unendlich rückwirkende Bereitstellung und Wiederherstellungsmöglichkeit der Inhalte auf allen iOS-Geräten aller Benutzer, die in der Vergangenheit jemals ein Apple-Abo in der App abgeschlossen haben. Dies bedeutet eine nicht unerhebliche Anforderung an die Systeme und die Entwicklung.

 

…Ein bereits bestehendes NICHT-APPLE-Abo-Modell darf in die App integriert werden, ABER es darf NICHT auf den „externen“ Abschluss eines solchen Abos oder Heft-Einzelkaufs in Form eines links/Buttons innerhalb der App hingewiesen werden. Zudem darf das externe Abo-Modell nicht teurer sein als das vergleichbare in der App zwingend erforderliche Apple-Abo….

–> Konsequenz für den Verlags-Entscheider: Die beiden Abomodelle Apple und digital/extern müssen gleich teuer sein. Problem: Apple erhält grundsätzlich 30 % des Umsatzes von In-App-Verkäufen, so dass letztendlich deutlich weniger Gewinn im Verlag bleibt. Für den selben vertriebenen Inhalt wohlgemerkt.

–> Konsequenz für die App-Entwicklung: In der App muss zunächst ein Weg gefunden werden, wie ein bestehender externer Abo-Kunde eindeutig identifiziert werden kann. Ferner muss ein weiteres bestehendes oder gar neues System (Third-Party-Subscriptions-System) angebunden werden, um auch die gültigen Abozeiträume der NICHT-Apple-Abonnenten in die App geregelt einfließen zu lassen. Nicht zuletzt muss eine gangbare Koexistenz mit dem ohnehin zwingend erforderlichen technischen Apple-Abo-Modell akzeptabel umgesetzt werden, insbesondere dem Nutzer gegenüber.

 

…Die App muss bei einem bestehenden, gültigen Kunden-Abo eine neue Heft-Ausgabe mit dem sogenannten „wifi background download“ automatisch auf das Kundengerät herunterladen und somit für das spätere Lesen bereitstellen, und das insbesondere auch dann, wenn das Gerät später offline ist  ….

–> Konsequenz für den Verlags-Entscheider: Ein Killer-Feature und Privileg, das ausschließlich Newsstand-Apps vorbehalten ist. Somit kann dem potentiellen Abo-Kunden die selbe Erfahrung mit diesem neuartigem Abo-Modell gegeben werden, wie er es bereits aus seinem Printabo kennt. Die frei-Haus-Lieferung bzw. zeitnah lesebereite Verfügbarkeit der neuen Heft-Ausgabe direkt am Frühstückstisch oder in der U-Bahn auf dem Pendelweg zum Arbeitsplatz. Und zufriedene Kunden sind erfahrungsgemäß die besseren Kunden.

–> Konsequenz für die App-Entwicklung: Die App muss jederzeit in der Lage sein, vom Bietriebssystem im Hintergrund geweckt zu werden, um eine neu herausgebrachte Heft-Ausgabe vollautomatisch und ohne Benutzer-Interaktionen auf das Gerät herunterzuladen und lesebereit abzulegen. Für diesen komfortablen und vollautomatischen Vorgang muss ein weiteres externes Backend-System an die App angebunden werden, ein sogenannter Provider-Push-Server. Und auch dieses System muss wiederum gewissen Apple-Richtlinien folgen, um seine geforderte Funktionalität bieten zu können. Simple Web-App-Konzepte sind damit aus dem Rennen.

 

…Die persönlichen Daten (wie Name, Adresse, eMail) eines Kunden der innerhalb der App ein Apple-Abo abschließt, werden NICHT pauschal an den Inhalteanbieter/Herausgeber/Verlag übermittelt. Apple bietet seinen App-Nutzern lediglich beim ERSTEN Abo-Abschluss in der App die Auswahlmöglichkeit das Weiterreichen der persönlichen Daten an den Herausgeber zuzulassen oder optional auch nicht zuzulassen …

–> Konsequenz für den Verlags-Entscheider: Es ist nicht mehr sichergestellt, dass dem Verlag die Identitäten und Kontaktdaten ihrer Abo-Kunden zukünftig immer bekannt sind. Das bedeutet, dass das bisher sehr wertvolle Gut der Verleger, die Kundenstammdaten, mit der Zeit teilweise anonymisiert und somit reduziert werden. Eine schreckliche Tatsache, wenn man die bisherigen klar definierten Print-Abo-Kunden betrachtet. Um dem potentiellen Abo-Kunden mehr Anreiz zu geben, den „Zulassen“-Button im eingeblendeten Dialog zu tätigen, kann der Inhalteanbieter jedoch eine kostenlose Verlängerung des regulären Abo-Zeitraumes gewähren: z. B. 6 Monate regulär + 1 Monat Gratis = 7 Monate zum Preis von 6 Monaten, jedoch mit Datenweitergabe.

–> Konsequenz für die App-Entwicklung: Um diese optionalen Aboverlängerungen und die damit verbundenen resultierenden tatsächlichen Abozeiträume in der App korrekt zu behandeln, muss ein weiteres Apple-Backend-System angebunden werden, das als Quittierung für den erfolgreichen Abo-Abschluss sowie der Ermittlung der korrekten Abo-Laufzeiten dient.

 

Generell gesehen bringt eine Newsstand-App noch weitere Eigenarten und Privilegien mit sich, die speziell aus der Sicht des Marketings interessant sind. Einige Beispiele:

  • Die App erscheint in einer speziellen und zentralen Zeitungskiosk/Newsstand-Kategorie im AppStore, die auch direkt aus dem Zeitungs-Kiosk Ordner auf dem Geräte Home-Screen anwählbar ist.
  • Der App-Anbieter der Newsstand-App kann auf die App-Präsentationsseite im AppStore mehr Einfluss nehmen. So kann beispielsweise das App Icon regelmäßig durch ein aktuelles Heft-Cover ersetzt werden, sowie die Inhalte des aktuellen und zukünftiger Hefte gut leserlich und topaktuell präsentiert werden. Diese Aktualisierung der AppStore-Seite kann entweder manuell, also händisch, bei Apple (iTunesConnect-Portal) erfolgen oder der Inhalteanbieter stellt einen automatisch regelmäßig gepflegten und von Apple abrufbaren XML-Feed (Atom) mit den Ausgaben-Metadaten bereit.

 

Das Fazit:
So harmlos für den Endnutzer eine Newsstand-App auf den ersten Blick auch erscheinen mag, so komplex und vielschichtig sind die im Vorfeld und bei der Umsetzung dieser App getroffenen strategischen, politischen und technischen Entscheidungen hinter den Kulissen. Jeder Verlag und Inhalteanbieter sollte sich daher bewusst sein, dass die Newsstand-Funktionalitäten in einer App nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Die Erfahrung zeigt es jedoch immer wieder: Um in diesem neuen Markt erfolgreich zu sein, muss der Erwartungshaltung des heutigen Kunden entsprochen werden.

 

2 Kommentare
  1. schleevoigt
    schleevoigt sagte:

    Grossartiger Artikel!. Vielleicht dumme Frage: ist es in vielen Fällen nicht sinnvoller, selber eine App zu bauen, die dann in einem „Regal“ Content anzeigt? Pushing ist nun wirklich kein Geheimnis.Mir hat sich nicht erschlossen, was nun der Vorteil ist (ausser, dass die Magazine in **diesem** Regal erscheinen.)

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    • Oskar
      Oskar sagte:

      Technische- und Marketing- Sinnhaftigkeit/Mehrwert (sowie weitere Privilegien) müssen hier ganz klar differenziert werden. Mittlerweile haben nennenswerte neue iOS-Funktionalitäten (Silent-Push und OS-Background-File-Downloading allen voran genannt) zwar auch den Weg in Apps ausserhalb des Zeitungskiosk gefunden (Artikel hat schon über 1,5 Jahre auf dem Buckel 😉 , doch Spezialitäten wie bspw. größeren täglichen Einfluss auf die Appstore-Präsenz der App zu haben, sowie dedizierte (für den Endnutzer/Kunden unheimlich bequeme) Newsstand-Abomodelle anbieten zu können, lässt apple nach wie vor nur den Zeitungskiosk-Bewohnern gestatten.

      Zur „Regal-Optik“: das ist zwar ein netter, jedoch im Zeitalter des „sterbenden Skeuomorphismus“ ein visueller Effekt, von dem sich selbst apple etwas unkonsequent/unglücklich distanziert hat, wie man sieht. 😉

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